Supervision einfach erklärt

Konflikte, Stress, Emotionen – das alles ist für viele Menschen Teil des Arbeitsalltags, kann jedoch auch zu enormer Belastung führen. Berater und Psychologe Dr. Jannik Zimmermann erklärt uns, wie Supervision bei Herausforderungen im Beruf unterstützen und sowohl Einzelne als auch Teams stärken kann. 

Was ist Supervision?

Das Wort Supervision stammt ursprünglich aus dem Englischen und kann wortgetreu mit „Aufsicht“ übersetzt werden. Der Begriff wird je nach Kontext jedoch unterschiedlich ausgelegt beispielsweise als Kontrolle durch Führungskräfte in Betrieben und Organisationen. Die Tradition der hier thematisierten arbeitsweltlichen Supervision gibt es in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg und wurde aus dem anglo-amerikanischen Raum übernommen. In Deutschland hat sich der ehemalige Gedanke, dass insbesondere die Praxisanleitung und Aufsicht der Supervisanden im Vordergrund steht weiterentwickelt und folgt heute eher einem emanzipatorischen Gedanken. Die Entwicklung der Person ist stärker in den Vordergrund gerückt.

Was ist das Ziel von Supervision?

Durch Supervision soll ein Raum für Mitarbeitende geschaffen werden, in dem die Arbeit am Menschen reflektiert wird, aber auch Zustände kritisiert und hoheitskritische Gedanken geäußert werden können. Die Supervision dient zur Qualitätssicherung, zur Weiterbildung, zur Klärung von Konflikten und dem Lösen von Problemen. Mithilfe von Supervisor:innen können z. B. Teams ihren Berufsalltag und ihre Strukturen reflektieren, die Zusammenarbeit verbessern und die Arbeitsleistung Einzelner, sowie der gesamten Gruppe steigern.

Innerhalb der Arbeitswelt lassen sich drei Formen der Supervision unterscheiden:

Die Einzelsupervision

Dabei handelt es sich um eine persönliche Beratung über die Arbeitssituation einzelner Personen – dabei kann es sich um Mitarbeitende sowie Führungskräfte handeln. Sie bietet die Gelegenheit sich mit einem Supervisor / einer Supervisorin detailliert über berufliche Themen auszutauschen. Ziel ist es die eigene Rolle zu reflektieren, Belastungen, Konflikte und Gefühle in einem geschützten Raum ohne äußere Einflüsse zu besprechen.

Die Teamsupervision

Bei einer Teamsupervision arbeiten Supervisorinnen mit Teams, die im Arbeitsalltag gemeinsam eine Aufgabe verfolgen und in der Praxis zusammenarbeiten. Ziel einer Teamsupervision ist die Reflexion der Zusammenarbeit. Sie dient dazu den Zusammenhalt zu stärken, Konflikte zu überwinden und Organisatorisches zu klären. 

Die Gruppensupervision

Bei einer Gruppensupervision sind in der Regel Menschen involviert, die den selben Hintergrund haben, aber im Alltag nicht zusammenarbeiten, z.B. Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen  oder Therapeut:innen. Unter Anleitung von Supervisor:innen können Teilnehmer:innen Herausforderungen aus ihrer Berufspraxis besprechen und diskutieren. Ziel ist es von den Erfahrungen anderer Fachkräfte zu profitieren und neue Perspektiven zu entwickeln.

Wo wird die Supervision eingesetzt?

Klassischerweise wird die Supervision vor allem in der Sozialwirtschaft, dem öffentlichen Sektor und dem Gesundheitswesen eingesetzt. Hier dient Supervision dazu Beziehungsarbeit zu reflektieren und berufliche Erlebnisse zu verarbeiten. Häufig geht es dabei um Fallarbeit – konkrete Situationen, die Teilnehmer:innen beschäftigen, werden vorgebracht, besprochen und reflektiert. In manchen Bereichen wie z. B. in der Jugendhilfe ist Supervision verpflichtend, in anderen ein freiwilliges Angebot. Auch in der freien Wirtschaft sind Supervisionen sinnvoll, erklärt Dr. Jannik Zimmermann, Supervisor, Wirtschaftspsychologe und Dozent im Master COS. „Wenn jemand mit Menschen zusammenarbeitet, vor allem in helfenden Berufen, ist Supervision wichtig“, findet er. Das gelte neben dem Sozialwesen auch in Bereichen in denen Emotionsarbeit geleistet wird, wie z. B. im Vertrieb oder im Service. „Insgesamt wird es seltener eingesetzt als es eingesetzt werden sollte“, gibt Zimmermann zu bedenken. Grund sei häufig die Finanzierungfrage.

Wann ist eine Supervision sinnvoll?

Grundsätzlich sei Supervision als Vorbeugung für Überlastung ratsam, wenn in der Tätigkeit eine psychische oder emotionale Belastung vorliegt, so Zimmermann. Indikatoren dafür, dass es bereits Probleme gibt, zu deren Lösung eine Supervision beitragen kann, sind: Unzufriedenheit der Mitarbeitenden, hohe Krankenstände und dysfunktionale Teamarbeit. Als Qualitätssicherungsprozess sei Supervision jedoch vor allem wirksam, wenn sie kontinuierlich und in regelmäßigen Abständen durchgeführt werde, gibt der Wirtschaftspsychologe zu bedenken.

Wie läuft eine Supervision ab?

„Wie häufig in der Beratung gibt es bei der Supervision nicht das eine richtige Vorgehen“, erklärt Zimmermann. Es gibt allerdings Ablaufschemata, die Supervisor:innen zur Orientierung nutzen können. In der Praxis sind diese Ablaufschemata Wegweiser und bieten einen Rahmen in dem Supervisor:innen sich frei bewegen. Häufig orientiert sich beispielsweise die Fallsupervision, die die Beziehungsgestaltung zwischen Supervisand:innen und ihren Klient:innen in den Fokus rückt an dem Verfahren der sogenannten Balintgruppen. Letztere wurden von Arzt Michael Balint entwickelt, um mit Behandler:innen an der Beziehungsdynamik zwischen Ärzt:innen und Patient:innen zu arbeiten. Im Kern geht es darum, dass ein geeigneter Fall ausgewählt, geschildert und gemeinsam exploriert wird. Anschließend wird der Fall bearbeitet, indem z. B. Assoziationen geäußert, Hypothesen gebildet und Ideen konkretisiert werden.&

Negative Folgen von Supervision

Wird die Supervision durch professionelle, gut ausgebildete Supervisor:innen durchgeführt, profitieren Mitarbeitende und Unternehmen in der Regel. Jedoch gibt es auch Fälle von unerwünschten Nebenwirkungen oder negativen Folgen. Diese sind bisher kaum erforscht. Ein Risiko geht dabei von Person und Persönlichkeit der Supervisor:innen selbst aus. Handeln Supervisor:innen unreflektiert, mit Geltungsdrang oder Selbstüberschätzung, kann die Supervision zu Verletzungen führen. Auch eine schlechte Passung oder fehlende fachliche Qualifizierung können die Supervision gefährden. Auf Prozessebene können beispielsweise fehlende Unparteilichkeit, Diskretion oder der falsche Umgang mit der Gruppendynamik den Ausgang einer Supervision trüben. Als Folge berichten Teilnehmer:innen von Studien über Kränkungen, Demütigungen, Entwertungen und Bloßstellungen. Das Risiko solcher Verletzungen steigt, wenn Vorgesetzte selbst an der Supervision teilnehmen. Für Supervisor:innen ist es umso wichtiger reflektiert, objektiv und unabhängig zu handeln.

Wer kann eine Supervision durchführen?

Während in anderen Ländern teilweise Führungskräfte und direkte Vorgesetzte als Supervisor:innen fungieren hat sich in Deutschland die externe Beratung durchgesetzt. Supervision wird in der Regel durch externe, unabhängige Supervisor:innen durchgeführt, die notwendige Fachkompetenz und -wissen besitzen. Externe Supervisor:innen können eine neutrale Perspektive leichter wahren und Gegebenes besser hinterfragen, da sie in der Arbeit vor Ort nicht eingebunden sind. Zimmermann empfiehlt ungefähr alle drei Jahre die Supervisor:innen zu wechseln. Nur so gelänge es die nötige Distanz zum Unternehmen und den Mitarbeitenden zu bewahren.

Wer kann Supervisor:in werden?

Die Berufsbezeichnung Supervisor / Supervisorin ist nicht geschützt. Das Bedeutet: Jede:r kann theoretisch Supervisionen anbieten. Qualitätsstandards setzt z.B. die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching (DGSv). Supervisor:innen mit DGSV-Zertifizierung müssen diverse Kriterien erfüllen. Unter anderem gehört dazu eine akkreditierte Weiterbildung wie beispielsweise der COS an der UNIKIMS. Um an einer solchen Weiterbildung teilnehmen zu können müssen Supervisor:innen einen akademischen Hintergrund, sowie Weiterbildungsstunden und eigene Supervisionserfahrungen vorweisen. Häufig kommen Supervisor:innen deshalb aus einem sozialen Bereich, in dem die Supervisionserfahrungen durch die eigene Teilnahme an arbeitsweltlichen Supervisionen erworben werden konnte. Alle DGSv-Supervisor:innen sind in der Datenbank des Verbandes zu finden.

Welche Eigenschaften sollten Supervisor:innen haben?

Gute Supervisor:innen sollten …

  • Gruppendynamiken kennen und mit ihnen arbeiten können.
  • Selbstbewusst eine übergeordnete Perspektive einnehmen.
  • zwischen verschiedenen Interessen triangulieren können.
  • Selbstreflexion/Reflexion beherrschen.
  • über eine solide grundlegende Qualifikation verfügen.

Was spricht für die Ausbildung?

Obwohl die Ausbildung als DGSv-zertifizierter Supervisor:innen zeitaufwändig und anspruchsvoll ist, ermutigt Zimmermann dazu. „Es ist eine sehr freie, abwechslungsreiche und spannende Tätigkeit. Man erhält Einblicke in verschiedene Arbeitswelten und -realitäten und begleitet Menschen beim Lernen und Wachsen.“ Reizvoll sei die Profession auch, weil man stetig an sich selbst arbeite: 

„Supervision ist eine Tätigkeit, die auch die eigene Haltung verändert und einen durch das Verständnis der eigenen Fehlbarkeit wachsen lässt." 

Wo finde ich eine zertifizierte Ausbildung?

Der Master COS und das gleichnamige Zertifikat an der UNIKIMS in Kassel sind von der DGSv anerkannt. Die Absolvent:innen sind auf dem Arbeitsmarkt beliebt – unter anderem, weil sie innerhalb des Studiums eine ausführliche Eingangsdiagnostik erlernen. „Unsere Leute können nach dem Studium Supervision. Uns wird häufig gespiegelt, dass Studierende im COS die Fachkenntnisse erlernen und das Studium gut auf die Praxis vorbereitet“, so Zimmermann.